Reise in den Iran



- Eine Redewendung besagt, dass Kinder, Verrückte und Besoffene die Wahrheit erzählen. Als die Mischung aller 3 Komponenten bei seiner Freitagsgebetprädigt sagte, dass die opferbereite Generation von Shah und Farah erzogen wurden, hatte er wohl recht. Die neue Generation, die ganz im Sinne der schwarzen Macht zum Teil weder Heiligkeiten noch Respekt anerkennt, ist auf dem Vormarsch. Dass das Duzen in Tehran zur Normalität wird, ist für mich ein erschreckendes Zeichen. Aber nicht nur das Duzen! Bei der KFC in Tehran erlebe ich eine typische Szene: Ein junger Kerl sitzt mit seiner Freundin und einem anderen Mädchen am Nebentisch. Plötzlich kommt ein junger Kücken vorbei und gesellt sich mit seinem Kumpel für 5 Minuten zu ihnen. So ein kleiner tehraner Geschichtenerzähler! In diesen 5 Minuten fängt er ohne Aufforderung und Scham an zu berichten, dass er letzte Nacht alleine mit 7 Frauen Geschlechtsverkehr hätte! Er nennt ihre Namen und führt dann weiter seine Liste der gesamten Woche fort. Und dann die angebliche Monatsliste. Als er dann auf irgendeine Party angesprochen wird, sagt er: Wenn ich alle meine Freundinnen einladen würde, müsste der Raum mindestens groß genug für 400 Personen sein. Und er sagt es total ernst. Als er weg geht will der andere Typ vor seiner Freundin nicht schlecht dastehen und erzählt ungefähr, dass der Kleine lügen würde und dass er höchstens Frauen aus dem Stadtteil „Tehran Pars“ im Bett hätte. So als ob die Menschen dort weniger wert wären, weil sie etwas ärmer sind. Mir bleibt mein Essen vor Wut im Halse stecken. Ich sehe mindestens 3 Mal wie ich aufstehe und ihn einfach an Ort und Stelle zusammenschlage. Und trotzdem unterlasse ich das. Meine Prügelei sollte ich noch in der gleichen Nacht unfreiwillig erhalten: 3 Typen, die nach Verbrechen stinken, gehen nach meinem Aussehen, halten mich für einen Weichling aus dem reichen Norden Tehrans und sind an meinem Aktenkoffer interessiert. Resultat: Ich hab ein blaues Auge, ein paar Verletzungen, Kratzer, zerfetzte Kleidung und werde fast von einem Auto überfahren, während ich auf dem Asphalt liege und die auf mich treten. (das ganze dauert ca. 3 Minuten und kein Auto hält an oder kommt bei diesem ungleichen Kampf zur Hilfe) Auf der anderen Seite gibt es eine gebrochene Nase, wahrscheinlich sonstige Rippenbrüche, einen Scheisser der die Flucht ergreift, als sich das Blatt wendet und selbstverständlich keinen Cent für sie. Als ich aber ein paar Tage später diese Drecksstadt richtung Norden verlasse und feststellen muss wie lieb und respektvoll die Menschen dort miteinander umgehen, schöpfe ich wieder Kraft und neue Hoffnung für die Zukunft des Landes. Wildfremde begegnen sich dort mit Sprüchen wie: „Möge Dein Unglück mich treffen“ !

- In einer weiteren Redewendung heißt es: "Dort, wo man vom Blinden den Stock wegnimmt, habe ich aus der Naivität heraus nach Zuneigung gesucht!" In Tehran gibt es eine Formel: Diebstahl = Schlauheit! Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein alter armer Mann auf der Strasse lag und ein anderer seine Decke einfach durchschnitt und wegnahm. Auf der einen Seite begrüßen Dich die Pinguine im Nobelrestaurant mit „willkommen mein Herr“, während sie einen in einem Zeitlupengang und aufrechter Haltung zum Tisch begleiten und auf der anderen Seite setzen sie arme afghanische Kinder in einen Fahrstuhl, die den ganzen Tag über auf die Fahrstuhlknöpfe drücken! Das ganze heißt dann wahrscheinlich: islamischer Manchester-Kapitalismus und Fatwa- Maschinen gibt es dort ja genug!

- Bei Hafez heißt es: "Wenn die Sauberkeit fehlt, gleicht Kaabe einem Götzenhaus." Es gibt glaube ich kaum ein Land in dem die Sünde so spürbar ist, wie im Iran. Auf der einen Seite sehe ich mit einem Lächeln die Entwicklungen in den wissenschaftlichen Bereichen und auf der anderen Seite Menschen, die voller Komplexe sind. Ein Taxi-Fahrer erzählt mir, wie er seine sehr entfernte Verwandte, die ihn nicht kennt, 3 Wochen nach der Hochzeit in einem Hotel mit einem reichen Mann sieht. Sie wolle halt etwas besser leben und mit anderen Frauen konkurrieren. Und sonst kommt er sich auch mehr vor wie ein Zuhälter, als wie ein Taxifahrer!

- Weiter heißt es bei Hafez: "Wenn es auf diesem Markt einen Profit gibt, bekommt ihn der Arme aber Zufriedene - lieber G_tt beschenke mich mit Armut und Zufriedenheit" Unter den Reichen Tehrans sehe ich einen kleinen Jungen, der in zerfetzten Kleidern Müll sammelt. Er ist Afghane und hat keinen Ausweis. Auch sein Alter weiß er nicht genau. Nach dem ich 2 Stunden mit ihm rumlaufe und die Reaktionen der Tehraner auf ihn sehe wünsche ich mir, dass jeder Mensch einmal auch wenn’s nur für kurze Zeit ist, in der Haut dieses Jungen stecken sollte. Er ist zwar ein Kind, aber die Gesellschaft hat ihm seine Kindheit geraubt. Er spricht in dem Alter wie ein Mann. Die Passanten warnen mich, dass der kleine Junge zu einer Mafia-Bande gehören soll. Ich erfahre dann später wie seine ältere Schwester letztes Jahr bei einer Gasexplosion zu 75% verbrennt, 20 Tage im Krankenhaus liegt bevor sie stirbt und seine Familie sich deswegen so sehr verschuldet, dass der Kleine jetzt Müll von der Strasse sammeln muss. Es ist für mich das beeindruckendste Erlebnis der jüngeren Zeit zu sehen, wie er sich wieder innerhalb kürzester Zeit in einen kleinen Jungen verwandelt, der wie andere Kinder Schutzbedürftigkeit zeigt und nicht mehr den starken Mann spielen muss. In "Karaj" treffe ich wiederum auf einen älteren Mann, der im Irak-Krieg seine Lunge durch Saddams Bomben verseuchte und nun mit 4 Kindern im Freien haust! Kein Land geht mit seinen Helden so um, wie die "Islamische" Republik Irans es täglich tut. Doch am ergreifendsten ist ein Mann in "Darband", der sein Bein im Krieg verloren hat. Er steht beschämt in einer dunkleren und ruhigeren Ecke und singt für etwas Brot. Er singt und trägt die Schmerzen seiner verflossenen Liebe, die ihn mehr mitgenommen haben, als der Verlust seines Beines. Sein Refrain: Mein übergeschnapptes Herz glaubt dich zurück zu wissen, mein übergeschnapptes Herz glaubt dich zurück zu wissen!